Cecchinello: "Bradls Potential ist definitiv vorhanden"

Freitag, 30 März 2012

Lucio Cecchinello und sein LCR Honda Team sind zwei wichtige Stützen der MotoGP. Die Mannschaft aus Monaco ist ein kleines und eng verbundenes Team von Leuten, die Motorräder lieben und ihr Leben dem Sport widmen.

Der ehemalige Rennfahrer Cecchinello interessierte sich schon als Knabe für Motorräder, doch er begann später als die Meisten mit dem Rennfahren, da seine Eltern darauf bestanden, dass er erst die Schule beendet, bevor er auf die Rennstrecke geht. Der Italiener war 19, als er an Bord einer Honda NSR125 in der Sport Production Klasse mit dem Rennsport begann. Sein Grand-Prix-Debüt gab er schließlich 1993, als er bereits 23 Jahre alt war. 1995 machte er einen kleinen Schritt zurück, um mit einer Honda RS125 des Team Pileri Europameister zu werden. Im Jahr darauf ging es wieder zu den GPs und sein erster Sieg folgte im Jahr 1998. Danach sollte er noch sieben weitere Male einen Grand Prix als Erster beenden, bevor er Ende 2003 schließlich zurücktrat. Den Großteil seiner Laufbahn brachte Cecchinello auf Honda RS125 Maschinen zu.

Was Cecchinello von den meisten anderen Rennfahrern abhob, war die Tatsache, dass er sein eigenes Team besaß und auch leitete. Er gründe LCR (Lucio Cecchinello Racing) im Jahr 1996 und schaffte es, damit ständig zu wachsen. War er zunächst in der 125cc- und der 250cc-Klasse engagiert, ging es schließlich in die MotoGP. LCR durfte über die Jahre auch einige große Talente in seinen Reihen begrüßen, etwa Casey Stoner (der 2002 mit LCR sein GP-Debüt gab), Randy de Puniet, Alex de Angelis, Nobby Ueda, Carlos Checa, Toni Elias und seinen aktuellen MotoGP-Fahrer Stefan Bradl, der amtierender Moto2-Weltmeister ist.

LCR hat seit 2006 eine ausgezeichnete Beziehung mit der HRC, damals kam das Team mit Stoner in die MotoGP.

Wenn du Rennen fährst, bist du mehr als ein Fahrer....
"Ich habe sehr spät begonnen, Rennen zu fahren, weil meine Eltern wollten, dass ich erst die Schule zu Ende mache. Als ich die Europameisterschaft im Jahr 1995 gewonnen habe, war ich bereits 26 und als ich im Jahr darauf in den Grand-Prix-Zirkus zurückkehrte, war ich wirklich schon alt."

"Dann habe ich intensiv überlegt und entschieden, dass es besser sei, das Geld, welches ich gewonnen hatte, in den Aufbau eines eigenen Teams zu stecken. Ein weiterer Grund, warum ich mein eigenes Team gegründet habe, war, dass ich das Grand-Prix-Fahrerlager als einen fantastischen Ort angesehen habe, eine wundervolle Umgebung, die ich nicht verlassen wollte. Ich war überzeugt, dass der beste Weg dazubleiben, die Etablierung eines eigenen Teams war. Ich habe langfristig gedacht. "

Ist es schwieriger, ein Fahrer oder Manager zu sein?
"Ich schäme mich nicht, zu sagen, dass ich während meiner aktiven Karriere erkannt habe, dass einige Fahrer viel bessere Fähigkeiten und Talent hatten als ich. Also versuchte ich, dieses Defizit mit Einsatz, Arbeit, Tests und Training zu kompensieren. Weil ich so spät begonnen habe, war ich schon 30 Jahr alt, als ich wirklich wettbewerbsfähig in der GP war. Zu dieser Zeit setzte ein Sinneswandel ein. Sagen wir, dass die Risikobereitschaft ein bisschen sinkt – das ist einfach ein normaler menschlicher Prozess. Zur gleichen Zeit habe ich auch ein eigenes Team geleitet, also musste ich neben dem Rennfahren auch noch auf viele andere Dinge achten, was generell psychisch viel von mir abverlangte. Vielleicht hätte ich mehr Rennen gewonnen, wenn ich nicht an so viele Dinge hätte denken müssen. Egal – ich habe mein Bestes gegeben."

Wie sieht die Zusammenarbeit mit Stefan Bradl aus?
"Es ist schwer, nach einer so kurzen Zeit zu urteilen. Ich weiß auch, dass es immer spannend ist, ein neues Projekt mit einem neuen Fahrer zu starten – es ist wie in den Flitterwochen. Im Moment sind wir in den Flitterwochen und es ist fantastisch, alles ist wirklich cool und sehr gut. Aber ehrlich gesagt bin überrascht, mit einem so jungen Fahrer mit einem so hohen Level an Intelligenz und Reife zu arbeiten. Außerdem ist er wirklich ein netter Kerl."

Was für ein Fahrer ist er?
"In seiner bisherigen Karriere hat er bereits gezeigt, dass er ein sehr beständiger Fahrer ist. Er ist ein Fahrer mit einer sehr schlauen Herangehensweise – er lernt Schritt für Schritt, versucht auf dem Motorrad immer ans Limit zu gehen. Zeitgleich versucht er zu verstehen, wie das Motorrad arbeitet und sich verhält. Er nimmt sich die Zeit, um sich an die MotoGP anzupassen, aber das Potential ist definitiv da."

LCR hat 2011 eine schwierige Saison erlebt...
"Ja, das letzte Jahr war nicht in unsere Ziele und Erwartungen einkalkuliert. Das Team war das Gleiche wie zuvor, das Motorrad war sogar besser als zuvor und Toni kam als Moto2-Weltmeister und mit einigen guten Ergebnissen in der MotoGP ins Team. Wir denken, dass die Probleme auf sein Gewicht und seinen Fahrstil zurückzuführen sind."

Vermisst du es zu fahren?
"Ja, absolut. Ich vermisse das Fahren. Man durchlebt verschiedene Alterskategorien. Zunächst spielt man mit Spielzeug, dann entdeckt man vielleicht den Spaß an einem Sport und dann, wenn man richtig glücklich ist und genug Fähigkeiten hat, wird der Sport irgendwann zur Arbeit. Das ist fantastisch, aber es ist nicht für immer. Jetzt bin ich in einem Alter, in dem es immer noch fantastisch ist, sich auf ein Motorrad zu schwingen, einfach das Gefühl zu haben, das Adrenalin, die Emotionen. Aber weil ich kein persönliches Ziel im Motorradfahren sehe, bevorzuge ich davon Abstand zu nehmen. Als ich meine Karriere beendet habe, bin ich noch ein paar Mal gefahren, aber ich habe sehr gelitten, weil es ein sehr tiefes, starkes Gefühl war. Sagen wir, es ist wie mit der Liebe des Lebens zu schlafen, mit einer Frau, die man immer noch liebt, aber mit der es keine Zukunft gibt. Es ist so dramatisch, weil es etwas ist, was man nicht haben kann."

Wann bist du zuletzt mit einem Rennmotorrad gefahren?
"Es war Ende 2004, als ich unsere 125er und 250er-Maschine getestet habe. Ich bin nie unser MotoGP-Bike gefahren. Natürlich bin ich gespannt, ich würde es lieben eine MotoGP zu fahren, aber ich will es in einer angemessenen Art und Weise tun, nicht nur ein paar Runden, weil auf diesem Weg versteht man gar nichts. Ich tue Dinge lieber ganz oder gar nicht. Vielleicht werde ich eines Tages unser MotoGP-Bike fahren, aber jetzt habe ich andere Prioritäten."

Erzähl etwas über die Zeit als Mechaniker.
"Mein Vater hat mir erlaubt die Welt der Motorräder zu entdecken. Er hat alte Bikes geliebt, er hatte eine großartige Sammlung, vielleicht 300 Motorräder, besonders kleine Maschinen wie Garelli Mosquito, eine Moto Guzzis und Lambrettas. Als ich die Motorräder für mich entdeckt habe, habe ich mich wirklich verliebt in die Technologie und ich wollte mich intensiver damit beschäftigen. Ich liebe es, Bikes zu tunen, aufzubauen, mit meinen Händen zu arbeiten. Mein Vater hat mir beigebracht, wie ich die Werkzeuge benutze, dann habe ich ein paar Rennfahrer kennen gelernt und gefragt, ob ich für Sie arbeiten kann, ohne Bezahlung. Ich begann mit einigen italienischen Fahrern während der Sommerferien zu arbeiten, dann mit dem Team Italia. Zunächst habe ich die Motorräder und die Arbeitsfläche sauber gemacht und habe geholfen die Bikes instand zu halten. 1987 und 1988, kurz bevor ich begann Rennen zu fahren, habe ich einige Rennen absolviert mit Corrado Catalano, außerdem mit Alessandro Gramigni und ein Rennen Loris Capirossi, als er in der Europameisterschaft unterwegs war."

An welches Rennen erinnerst du dich am liebsten?
"Der erste Sieg ist immer etwas, was für starke Gefühle sorgt. Das war Jarama im Jahr 1998, als ich Marco Melandri geschlagen habe. Auch mein erstes Rennen im Jahr 1993 und meine ersten Punkte in Hockenheim 1994 waren besonders. Aber nach Jarama war auch der Sieg in Mugello 2003 etwas ganz Besonderes. Ich werde mich immer erinnern, wie ich in Mugello angekommen bin – so ein großartiger Ort, so eine große und brillante Strecke."

Deine Zeit in der 125er-Klasse war eine Ära großer Duelle.
"Ja, es gab viele starke Fahrer in dieser Zeit und viele erfahrene Piloten wie Sakata, Ueda, Raudies, Martinez. Für mich war es wirklich schwer zu versuchen sie zu schlagen. Ich habe immer versucht das geringere Talent aufzuwiegen, aber im Alter von 33 Jahren kann ich letztlich sagen, dass ich Stoner, Dani Pedrosa und so weiter geschlagen habe. Ich habe ein spezielles Foto von diesem Rennen – ich vor Stoner, Pedrosa, De Angelis und Dovizioso. Es ist fantastisch, weil es sehr viel aussagt – die alte Generation, die von der jungen Generation angetrieben wird. Danach wurde ich von meinem Teamkollegen – Casey – geschlagen und habe realisiert, dass es Zeit wird mich zurückzuziehen. "

Was ist deine schönste Erinnerung als Teambesitzer?
"Ein tolles Gefühl war es, die Pole Position in unserem ersten MotoGP-Rennen in Katar 2006 zu erobern. Wir waren ein neues Team mit einem neuen Fahrer und einem neuen Motorrad und – plötzlich – Pole Position. Ich war im Himmel. Ich habe den Himmel berührt, das war großartig, fantastisch."

Kannst du dich noch erinnern, wie ihr Stoner 2002 in die GP gebracht habt?
"Unser Hauptsponsor OxydoSafilo wollte sich in der 250er- und 125er-Klasse beteiligen, also habe ich mit der Dorna und der IRTA gesprochen und gefragt, ob es einen jungen Fahrer mit einigen Fähigkeiten gibt, der sich ein Rennen verdient hätte. Dann habe ich mit Alberto Puig gesprochen, der mir mitgeteilt hat, dass es einen jungen Burschen gab, der erst 16 war. Wir organisierten einen Test in Jerez. Casey war sofort sehr schnell, nur eine Sekunde hinter Melandri auf der 250er Werks-Aprilia. Wir bemerkten, dass er einiges an Potenzial hatte. So war es auch, als er das erste Mal die Honda RC211V gefahren ist. Er war sofort schnell. Das war die Bestätigung, dass er ein ganz besonderes Talent hat."

Viele Teams fahren in diesem Jahr CRT-Bikes – warum hast du dich entscheiden weiter mit einer Prototyp-Maschine zu fahren?
"Jedes Team hat seine eigene Geschichte. Die Geschichte, die hinter uns und unseren Partnern steht, ist die, dass unsere Beziehung zueinander durch die Verbindung mit Honda und den Gebrauch einer Prototyp-Maschine gewachsen ist. Viele unserer Sponsoren sind mittelständige Firmen, die Zubehör produzieren – Rizoma, Arrow, Givi – aber auch größere Unternehmen wie Elf. Sie alle unterstützen LCR, weil sich in einer engen Verbindung zu Honda stehen. Zum Beispiel stellt Rizoma die Lenkstangen und Fußrasten für unser Bike her und Givi unterstützt uns gern, weil sie dadurch eine enge Beziehung zu den Honda-Händlern haben. Hätten wir keine Prototyp-Maschinen, wäre Elf sicher das erste Unternehmen, welches signalisieren würden, dass sie kein Interesse haben uns zu helfen. Alle diese Firmen wollen von der Top-Technologie profitieren, die hilft ihre eigenen Produkte zu verkaufen."

Denkst du CRT ist die Zukunft?
"Die Realität ist, dass der Motorsport durch eine schwierige Phase geht. Da ist zunächst der Rückzug der Tabakhersteller – sie haben viel Geld in den Sport investiert. Dann müssen wir der Wirtschaftskrise ins Auge schauen, welche die Profite der Firmen gemindert hat, welche natürlich ihr Sponsorenbudget reduzieren mussten. Unter diesen Voraussetzungen denke ich, dass der Sport vielleicht zu schnell reagiert hat, die Regeln zu schnell geändert hat. Ich denke, dass man in schweren Zeiten innehalte und sich Zeit nehmen muss, um darüber nachzudenken, was zu tun ist. Es wäre nicht gut für unseren Sport die Hersteller von der MotoGP zu verlieren, ich hoffe, dass die Dorna, die MSMA und die FIM technische Regeln entwickeln können, welche sich interessant für die Hersteller gestalten. Ich denke, wir sollten den Fokus auf die technische Entwicklung in Richtung des Endnutzers, also der Leute, welche die Bikes für die Straße kaufen, legen. Wir müssen eine neue Vision kreieren, technische Regeln ins Leben rufen, die den Herstellern helfen können Motorräder für die Straße abzusetzen."

"Generell ist die MotoGP sehr erfolgreich. Das weltweite Interesse wächst weiter. Südost-Asien hat ein großes Potenzial, die TV-Stationen sind immer noch sehr interessiert und wir haben viele neue Kurse, welche MotoGP-Rennen austragen wollen – von Südamerika über Indien bis Russland. Ich denke die Dorna macht einen sehr guten Job mit dem Fernsehen. "

Was denkst du über die RC213V?
"Für mich ist es ein Kunstwerk. Die RC213V ist das beste Motorrad, das ich je gesehen habe, weil es eine Konzentration an Hochtechnologie ist. Die neueste Arbeitsweise der Motoren ist einfach unglaublich. Es ist ein fantastisches Bike."

Wie siehst du die Entwicklung der Moto2?
"Ich denke, dass wir uns in einer Übergangsphase befinden und die Moto2 nicht für immer eine 600er Klasse sein muss. Ich denke auch, dass es gut wäre keine Ein-Motoren-Klasse zu haben – auch wenn der derzeitige Anbieter Honda ist – weil es nicht gut ist die Interessen der anderen Hersteller zu vernachlässigen. Zunächst würde ich mir wünschen, dass die Moto2 in der Zukunft mit verschiedenen Motoren arbeitet und dann wäre es von Vorteil, wenn die Moto2 eine Zweizylinder-500-Viertakt-Kategorie werden würde.Damit wäre es einfacher für die Hersteller ihre Motoren zu entwickeln, weil die Zylinder und die Zylinderköpfe in allen drei Klassen die Gleichen wären – Vierzylindermotoren mit 1000ccm, Zweitakter mit 500ccm und Eintakter mit 250ccm. Und dann würde ich gerne sehen, dass Firmen ihre 500ccm-Zweitakt-Straßenmotorräder für einen guten Preis verkaufen, weil momentan schrumpft der europäische Markt, da viele Leute es sich nicht leisten können ein Motorrad zu kaufen, sogar die derzeitigen 600er. Es wäre gut ein paar neue Hersteller anzuziehen, vielleicht könnte KTM auch eine 500ccm-Zweizylinder-Maschine bauen, auch Aprilia."

Interview Honda Racing

TAGS 2012 LCR Honda MotoGP

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