Menschen aus dem Fahrerlager: Jürgen Lingg

Dienstag, 15 Januar 2013

Hinter den MotoGP™-Stars, den Hauptakteuren der Motorrad-WM, stehen Hunderte von Menschen, die im Fahrerlager „Hinter den Kulissen” dafür sorgen, dass alles reibungslos funktioniert. In dieser Serie stellen wir Ihnen eine Auswahl der Menschen vor, die auf unterschiedlichen Wegen ins MotoGP™-Paddock gekommen sind, aber auch junge Talente, die erst am Angang ihrer Karriere stehen.

Viele seiner Fähigkeiten hat sich der 46-jährige Chefmechaniker aus Röthenbach im Allgäu in Eigenregie angeeignet. Jürgen Lingg ist selbst zehn Jahre Rennen gefahren und war, stets diskret im Hintergrund, für die ersten WM-Erfolge von Stefan Bradl oder Sandro Cortese mitverantwortlich. 2012 betreute er den Malaysier Zulfahmi Khairuddin in der Moto3™ und ab 2013 wird er im neu gegründeten Dynavolt Intact GP-Team als Teamchef und Chefmechaniker für den amtierenden Moto3™-Weltmeister Sandro Cortese agieren und mit ihm in der Moto2™-Kategorie an den Start gehen.

Jürgen, deine Motorsport-Geschichte begann bereits im Teenager-Alter. Wann genau wurdest du mit dem Motorradvirus infiziert?

Ich hatte mich schon immer dafür interessiert und habe schon, bevor ich überhaupt fahren durfte, an Fahrzeugen herumgeschraubt. Motorräder waren schon von Kind auf meine Welt. Ich kann es nicht beschreiben, es hat mich einfach schon immer fasziniert. Ganz früher waren es Autos, dann auch Motorräder und zum Schluss nur noch Motorräder.

Damals als Jugendlicher, hatte mich der jetzige LKW-Fahrer von Kiefer Racing, Benedikt Heim, zu meinem 16. Geburtstag zum Grand Prix nach Hockenheim mitgenommen. Das hatte mich so begeistert, dass ich dann mit meinem 50ccm-Moped nach Salzburg gefahren bin, um den nächsten Grand Prix zu besuchen. Das waren 330 Kilometer.

Dann hatte ich Reinhold Roth und Toni Mang, er kann sich bestimmt nicht mehr an mich erinnern, kennengelernt und habe mich mit ihnen unterhalten. Da habe ich gemerkt, dass die Leute eigentlich ganz normal sind, denn vorher waren das für mich immer Außerirdische. Auf jeden Fall war ich total infiziert.

Wann bist du dann deine ersten Rennen gefahren?

Daraufhin bin ich auf dem Salzburgring mit meinem Straßenmotorrad, einer Suzuki RG 500 gefahren. Das war der absolute Hammer. Da wusste ich, das ist es, was ich machen will. Dann habe ich meine 500er-Suzuki umgebaut und bin mit einer Tageslizenz beim Cup-Pokal gefahren, das ist eine Klasse unter der Deutschen Meisterschaft, und war auf Anhieb Fünfter oder Sechster - mit Straßenreifen und keiner Ahnung von dem Ganzen.

Danach bin ich zehn Jahre selber gefahren. Deutsche Meisterschaft, Europameisterschaft und Ducados Open, zweimal Wildcard in der WM, dort allerdings weniger erfolgreich.

Später hast du deine Rennfahrerkarriere beendet und die Seiten gewechselt. Wie ist dir schließlich der Weg in die WM gelungen?

1997 konnte ich die Geschichte nicht mehr finanzieren und ich wollte auch nicht mehr. Ich hatte eigentlich mit dem Thema abgeschlossen. Aber kurz darauf fragte Mike Baldinger, beziehungsweise ein Sponsor von ihm, bei mir an, was ich mit dem Material mache würde. Ich sagte, dass ich alles verkaufe. Dann sagte er, er habe eine bessere Idee. Ich könnte es verleasen und gleichzeitig das Team betreuen.

Dann war ich seit 1998 quasi alles in einem - Teamchef, LKW-Fahrer und Chefmechaniker. Bis 2002 war ich in der Deutschen Meisterschaft und Europameisterschaft unterwegs und habe unter anderem Mike Baldinger und Dirk Heidolf betreut.

2003 fragte mich Kiefer, ob ich Lust hätte, mit ihm und Christian Gemmel im Grand Prix zusammenzuarbeiten. So bin ich dann 2003 in die WM gekommen. Das war zwar immer ein Traum, aber irgendwie hatte ich nie damit gerechnet. Dabei hatte ich das Glück, dass die Leute immer auf mich zugekommen sind.

Welchen Beruf hast du gelernt?

Eigentlich bin ich gelernter Zentralheizungs- und Lüftungsbauer. Damals war ein geburtenstarker Jahrgang und dadurch war es relativ schwierig, eine Lehrstelle zu bekommen. Ich hatte bei einem Honda-Händler angefragt, ob ich dort eine Lehre machen kann. Er sagte aber, ich solle erst das Berufsgrundschuljahr machen und dann sehen wir weiter. Das war mir zu viel Risiko und ich habe dann die Möglichkeit gehabt, die andere Ausbildung zu machen. Es war kein schlechter Beruf.

Welche Fahrer hast du bei Kiefer Racing betreut?

Viele. Christian Gemmel, Klaus Nöhles, Dirk Heidolf, Anthony West, Stefan Bradl. Dann 2010 beim Racing Team Germany Tomoyoshi Koyama, 2011 Sandro Cortese.

Kanntest du Sandro schon vorher?

Ich kenne Sandro schon seit seiner Pocketbike-Zeit. Er ist ja quasi ein Nachbar von mir. Wir wohnen nur eine halbe Stunde voneinander entfernt. Besser kannte ich aber zunächst seinen Vater.

2011 habt ihr dann zum ersten Mal zusammengearbeitet und hattet im Racing Team Germany eine recht erfolgreiche Saison.

Da bin ich auch stolz darauf, muss ich sagen. Ähnlich wie bei Stefan Bradl, der 2008 seine ersten Grand Prixs mit mir gewonnen hatte, konnten wir auch mit Sandro, nachdem er 2010 eine schwierige Saison hinter sich hatte, 2011 seine ersten Siege und ein paar Podiumsplätze einfahren. Ich habe auch immer an Sandro geglaubt.

Wie kam es zu der Entscheidung, ein eigenes Team zu gründen?

Die Idee kam schon auf, als ich Sandro 2011 betreut hatte und irgendwann wurden die Gespräche mit Stefan Keckeisen (Geschäftsführer von Inact und Hauptsponsor) konkreter. Ich sagte ihm, dass ich mich um alles Organisatorische kümmern kann und er müsse die Finanzierung klären.

Ihr steigt 2013 in die Moto2-Klasse auf. Welche Ziele habt ihr euch gesteckt?

Wir bauen erst mal alles ganz in Ruhe auf. Versuchen vor dem ersten Rennen, soviel es geht zu fahren. Es wird auf jeden Fall schwierig, daher kann ich keine Prognose abgeben. Aber wir sind sehr zuversichtlich.

Ein Job in der WM ist ein sehr zeitintensiver Job. Man ist selten zu Hause. Was sagt deine Familie dazu?

Ich habe meine Frau, obwohl sie aus dem Nachbarort kommt, kurioser Weise auf der Rennstrecke getroffen. Daher ist das kein großes Problem. Wir kennen es nicht anders.

Hast du selbst noch Zeit, in der Freizeit aufs Motorrad zu steigen?

Also ich habe ein Motorrad zu Hause, aber leider komme ich kaum dazu. Ich bin in zwei Jahren 550 Kilometer gefahren. Aber es steht noch da und vielleicht habe ich ja irgendwann mal Zeit dafür. 

 

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